Ein Jahr generalistische Pflegeausbildung: „Das Interesse ist da, die Ausbildungszahlen sind gestiegen.“

 

Nach der Neugestaltung der Pflegeausbildung durch das „Gesetz zur Reform der Pflegeberufe“ sind im Frühjahr 2020 die ersten Ausbildungsjahrgänge für den Berufsabschluss „Pflegefachfrau“ und „Pflegefachmann“ gestartet. Damit wurden die bisher getrennten Ausbildungen in der Altenpflege, der Kranken- und Kinderkrankenpflege endgültig zusammengelegt. Alle Auszubildenden erhalten zwei Jahre lang eine gemeinsame, generalistisch ausgerichtete Ausbildung, danach können sie einen Vertiefungsbereich in der praktischen Ausbildung wählen.

 

Ein Jahr nach dem Start der reinen generalistischen Ausbildung zieht der Gründer und Geschäftsführer der apm-Pflegeschulen Dr. Matthias Glasmeyer im Interview eine erste Bilanz.

Das Interview

Wie sehr hat sich die Pflegeausbildung an den zehn apm-Pflegeschulen in mehreren Bundesländern in den letzten Monaten verändert?

Pflege bleibt natürlich Pflege, deshalb haben sich die Inhalte an vielen Stellen nicht verändert, sondern eher verbreitert. Das bedeutet für unsere Lehrenden, dass sie ihre Unterrichtskonzeption von der reinen Konzentration auf die Altenpflege öffnen mussten. Das erforderte schon ein Umdenken, das aber hervorragend gelungen ist. Wir sind dazu auch im ständigen Gespräch mit unseren Dozentinnen und Dozenten und achten auf eine inhaltliche Konzeption des Unterrichts, der den neuen generalistischen Ansatz verinnerlicht hat.

Wie ist die neue Struktur der Ausbildung in den Betrieben, also den Pflegeheimen und ambulanten Diensten, angekommen? Welche Rückmeldungen bekommen Sie von den Auszubildenden?

Viele Pflegeanbieter haben sich schon sehr gut umgestellt und sind mit motivierten Praxisanleitern intensiv in die generalistische Ausbildung eingestiegen. Da wurden zum Teil eigens Stellen geschaffen, die sich ausschließlich um die Auszubildenden kümmern. Das gilt natürlich nicht überall. Wenn es in einer Einrichtung noch hakt, geben wir aber auch Hilfestellungen und erinnern zum Beispiel daran, dass die Praxisanleiter ihr Wissen auffrischen und aktualisieren müssen. Nur dann gelingt es auch, den Auszubildenden die notwendige Unterstützung zukommen zu lassen. Die Ausbildungszeit soll ja Raum zum Lernen bieten. Eine besonders große Umgewöhnung war sicher die Tatsache, dass die Schülerinnen und Schüler in den drei Jahren der Ausbildung jetzt auch zu längeren Praxisblöcken bei anderen Trägern sind. Sie sind also nicht immer in der Einrichtung, sondern lernen auch über Wochen hinweg zum Beispiel im Krankenhaus.

Nach einem Jahr hat sich also vieles geklärt und zurechtgeruckelt. Wo liegen heute noch die Schwierigkeiten mit der neuen Ausbildungsstruktur?

Das größte Problem sind nach wie vor die Einsatzmöglichkeiten, also die fehlenden Anlaufstellen für die Praxiseinsätze, vor allem im Akutbereich sowie in der Pädiatrie. Da stehen viele Pflegeeinrichtungen und ambulante Dienste vor dem Problem, dass es in ihrer Umgebung vielleicht kein größeres Krankenhaus und vor allem keine Kinderklinik gibt. Trotzdem müssen sie eine Kooperation eingehen, damit ihre Schülerinnen und Schüler alle vorgeschriebenen Praxisblöcke absolvieren können. Da sind wir oft in der Vermittlerrolle und stellen Kontakte zwischen verschiedenen Anbietern her. Aber selbst die großen Träger, die unter einem Dach schon viele Praxisbereiche anbieten können, haben Probleme bei der Koordinierung der Abläufe oder aufgrund fehlender Praxisanleiter. Hier müsste aus meiner Sicht dringend nachgesteuert werden: Wenn eine Einrichtung oder ein Pflegedienst ausbilden will, dann muss das Unternehmen bei der Suche nach Kooperationspartnern besser unterstützt werden.

Haben damit auch die Ansprüche an die Pflegeschulen zugenommen?

Die angesprochene Vermittlerrolle ist neu. Dazu kam in den vergangenen Monaten sehr viel Aufklärungsarbeit. Wir haben also viele Einrichtungen und Pflegedienste immer wieder informiert und bei der Umstellung der Ausbildungsstruktur begleitet. Die enge Zusammenarbeit mit dem bpa, dem größten Verband der privaten Pflege, ist da ein großer Vorteil für uns, weil wir gemeinsam sehr nah an den Pflegeunternehmen sind und deren Sorgen kennen. Für alle ist der bürokratische Aufwand leider erheblich gestiegen. Selbst die zuständigen Behörden verzweifeln da manchmal.

Die Reform sollte die Pflegeausbildung und den Beruf attraktiver machen. Ist dies mit Blick auf die neu strukturierte Ausbildung gelungen?

Das braucht sicher noch etwas Zeit. Wir lehren ja nicht mehr in abgeschlossenen Themenblöcken, wie man es vielleicht noch aus der Schule kennt. Es kommen also nicht erst Anatomie, dann Physiologie und schließlich Pathologie dran, sondern unsere Schülerinnen und Schüler beschäftigen sich kompetenzbasiert mit konkreten Problemstellungen, die ihnen vernetztes Wissen und übergreifende Fähigkeiten vermitteln. So müssen sie das Gelernte ja auch später im Arbeitsalltag kombiniert anwenden. Das ist für manche sicher eine Umgewöhnung. Gleichzeitig sind unsere Kurse durch die Zusammenlegung der Ausbildungen deutlich heterogener geworden.

Ziel war auch, die Auszubildendenzahlen in der Pflege zu steigern. Sie haben kürzlich Zahlen und Trends aus den bpa-Pflegeschulen ausgewertet. Wie ist denn der Zuspruch zur neuen generalistischen Ausbildung?

Das Interesse ist da, die Ausbildungszahlen sind gestiegen, wir schätzen um etwa zehn Prozent allein im letzten Jahr. Natürlich gab es vorher auch eine große Nachfrage nach der herkömmlichen Altenpflegeausbildung, mit der Generalistik hat sich das aber noch einmal gesteigert. Für die Ausbildungskurse an unseren zehn Pflegeschulen gibt es inzwischen immer Wartelisten.

Mit Spannung wird erwartet, wie zum Ende der Ausbildung die Entscheidung ausfällt: Wählen die Schülerinnen und Schüler einen spezialisierten Abschluss, zum Beispiel in der Altenpflege, oder erwerben sie den neuen generalistischen Abschluss. Wagen Sie da schon eine Prognose?

Nur eine sehr kleine Zahl von Auszubildenden wird sich spezialisieren, das zeichnet sich jetzt schon ab. Für 90 Prozent der Azubis war von Anfang an klar, dass sie den generalistischen Abschluss anstreben, die übrigen tendieren zum ganz überwiegenden Teil inzwischen auch in diese Richtung. Wenn ich schätzen soll, dann gehe ich von höchstens einer Handvoll Schülerinnen und Schülern pro Standort aus, die sich auf eine Richtung festlegen, also sich zum Beispiel für die Altenpflege spezialisieren wollen. Viel wichtiger ist aber, wo die von uns ausgebildeten jungen Menschen anschließend arbeiten. Denn Fachkräfte werden in allen Bereichen der Pflege gesucht, vor allem in der Altenpflege.

 

Zur Person Dr. Glasmeyer

Ein Jahr generalistische Pflegeausbildung:
„Das Interesse ist da, die Ausbildungszahlen sind gestiegen.“

Nach der Neugestaltung der Pflegeausbildung durch das „Gesetz zur Reform der Pflegeberufe“ sind im Frühjahr 2020 die ersten Ausbildungsjahrgänge für den Berufsabschluss „Pflegefachfrau“ und „Pflegefachmann“ gestartet. Damit wurden die bisher getrennten Ausbildungen in der Altenpflege, der Kranken- und Kinderkrankenpflege endgültig zusammengelegt. Alle Auszubildenden erhalten zwei Jahre lang eine gemeinsame, generalistisch ausgerichtete Ausbildung, danach können sie einen Vertiefungsbereich in der praktischen Ausbildung wählen.

Ein Jahr nach dem Start der reinen generalistischen Ausbildung zieht der Gründer und Geschäftsführer der apm-Pflegeschulen Dr. Matthias Glasmeyer im Interview eine erste Bilanz.

Zur Person:
 
Dr. Matthias Glasmeyer ist Hauptgeschäftsführer der Akademie Überlingen-Gruppe sowie Gründer und Geschäftsführer der apm-Pflegeschulen, die die Akademie Überlingen gemeinsam mit dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa) betreibt. Die apm gewährleistet Aus-, Fort- und Weiterbildung in der ambulanten und stationären Pflege auf höchstem fachlichem Niveau an derzeit 10 Standorten in mehreren Bundesländern. Bundesweit bietet die apm zudem Weiterbildungsgänge und spezielle Förderprogramme für internationale Pflegekräfte an.