Wie Pandemie und Lockdown für einen Entwicklungsschub bei der digitalen Ausbildung gesorgt haben.

 

„Corona hat die Pflegeausbildung geprägt und verändert.“
Interview mit Dr. Matthias Glasmeyer

Das Interview

Im März 2020 gingen bundesweit Bildungseinrichtungen und damit auch die apm-Pflegeschulen in den Distanzunterricht. Wie ist es damals gelungen, die schulische Ausbildung schnell in den digitalen Raum zu bringen?

Als wir am 13. März 2020 plötzlich in den Distanzunterricht mussten, hat sich gezeigt, wie schnell wir als modernes Unternehmen reagieren können. Innerhalb weniger Tage haben wir die technischen Voraussetzungen mit entsprechender Hardware und Videokonferenz-Lizenzen aufgebaut. Parallel haben wir, auch geschaut, welche Schülerinnen und Schüler zum Beispiel mit Notebooks unterstützt werden mussten, weil die entsprechende Ausstattung zuhause nicht vorhanden war. So ging kaum eine Unterrichtsstunde verloren und der Lernstoff konnte in vollem Umfang vermittelt werden.
Vor allem aber haben sich unsere Dozentinnen und Dozenten inhaltlich auf die neue Situation eingestellt. Gemeinsam mit den Mitarbeitenden unserer zentralen IT-Abteilung haben sie die technischen Möglichkeiten ausgelotet, neue Methoden entwickelt und im Unterricht umgesetzt. Es gab also bald nicht nur die üblichen Frontalunterrichtsstunden auf Distanz, sondern echtes digitales Lernen. Dabei kam uns natürlich zu Gute, dass wir mit dem gemeinsamen E-Campus der apm und der Akademie Überlingen bereits über eine ganze Reihe von e-Learning-Modulen verfügen. Diese Inhalte ließen sich schnell einbauen und haben den Distanzunterricht sehr interaktiv gemacht.

Schülerinnen und Schüler waren in ihren Praxiseinsatzorten in der Pflege gleichzeitig ebenfalls einer besonderen Situation ausgesetzt. Wie waren die Reaktionen auf die digitalen Bildungsangebote?

Die Schülerinnen und Schüler haben das digitale Lernen mit Freude begleitet und waren froh, dass ihre Ausbildung trotz des Lockdowns auch im schulischen Teil weitergehen konnte. Sie haben große digitale Kompetenz bewiesen und sich schnell auf die neue Situation eingestellt. Ein Vorteil war sicher, dass die Arbeit in der Pflege inzwischen in vielen Pflegediensten und Einrichtungen ohnehin schon viele digitale Elemente wie EDV-gestützte Dokumentation oder digitale Assessments beinhaltet. Die Qualität der Unterrichtseinheiten in unseren Pflegeschulen wurde auch während des Distanzunterrichts als sehr hoch beurteilt.
Natürlich gab es auch Schülerinnen und Schüler, die außer ihrem Smartphone keine digitalen Endgeräte zur Verfügung hatten. In diesen Fällen haben wir im Zusammenspiel mit den Ausbildungsbetrieben nach schnellen und unkomplizierten Lösungen gesucht.

Inzwischen sind die strikten Lockdowns vorbei, die Bundesländer haben unterschiedliche Vorgaben, auf die sich ein bundesweiter Schulträger einstellen muss. Wie stellt sich die Situation in den Pflegeschulen der apm heute dar?

Auch nach dem Lockdown nutzen alle apm-Standorte immer wieder die Möglichkeiten des hybriden Unterrichts z. B. im Anschluss an Praxisphasen, um mögliche Infektionsrisiken zu minimieren aber auch für zusätzliche Praxisbegleitungen, die somit schnell und zeiteffektiv umzusetzen sind. Schüler und Schülerinnen, die sich z. B. in Quarantäne befinden, können dem normalen Unterricht zugeschaltet werden und verpassen keine relevanten Inhalte
Wir sind überzeugt, dass insgesamt rund die Hälfte des gesamten schulischen Teils in der dreijährigen Pflegefachkraftausbildung digital angeboten werden kann.
„Wir haben die Erfahrung gemacht, dass einige der Kompetenzfelder in der Pflegeausbildung auch online vermittelt werden können. Besonders zu Beginn der Ausbildung und als Vorbereitung auf die Praxiseinsätze ist es wichtig und hilfreich, durch hohe Präsenzanteile einen persönlichen Kontakt zwischen Lernenden und Lehrenden aufzubauen. Weiter im Ausbildungsverlauf könnten dann die digitalen Anteile ausgeweitet werden. Das kann aus unserer Sicht ein Baustein sein, um die Pflegeausbildung durch diese zusätzliche Flexibilität noch attraktiver zu machen.“
Wir hoffen, dass die aufsichtführenden Behörden diese großartigen Möglichkeiten auch zukünftig zulassen und uns durch eine Veränderung der rechtlichen Vorgaben so den Weg einem flexibleren und abwechslungsreicheren Unterricht ebnen.

Was bleibt in der Rückschau? Welche Entwicklungen und Erfahrungen haben Sie aus der Pandemie mitgenommen?

Corona hat die Pflegeausbildung verändert und dazu geführt, dass vorher noch nicht gedachte Optionen auf einmal mit eingebracht und als Bereicherung erlebt wurden. In einer Krisensituation wie der Pandemie werden oftmals auch die Türen für Erneuerungen weit aufgestoßen. Die gesamte Arbeits- und Lernwelt hat sich – gezwungenermaßen - gewandelt und ist flexibler geworden. Es ist großartig zu erleben, dass sich eine Pflegeschule, wenn es keine Alternative gibt, innerhalb kürzester Zeit auf digitalen Unterricht verlegen kann. Dabei konnten wir alle Beteiligten mitnehmen.
Denn es ist von entscheidender Bedeutung, dass nicht nur Schülerinnen und Schüler sowie deren familiäres Umfeld, sondern auch die
Ausbildungsbetriebe, Lehrende und die Schulverwaltungs- und Aufsichtsbehörden an einem Strang ziehen und sich auf Lösungen und nicht auf Hindernisse konzentrieren.
Wir haben durch die Dringlichkeit der Situation und die Bereitschaft, mit neuen Methoden den Lernerfolg der Schülerinnen und Schüler zu sichern, nahezu keine Schwellenängste erlebt. Im Gegenteil: Es waren enorme Lernkurven bei allen Beteiligten hinsichtlich der digitalen Anwendungskompetenz zu erkennen. Die neue digitale Lernwelt wurde von allen auch auf Dauer akzeptiert.
Jetzt stellt sich natürlich die Frage, was wir aus dieser besonderen Situation in den normalen Schulalltag überführen können, um die Pflegeausbildung modern und flexibel zu halten. Dazu brauchen wir einen klaren schul- und verwaltungsrechtlichen Rahmen. Die Politik ist jetzt also gefordert, aus diesen positiven Erfahrungen zu lernen und die Chancen sowie die Zukunftsorientierung digitaler Bildungskonzepte auf Dauer für die Pflege zu sichern. Dieser Weg ist zu wichtig und zu spannend, um ihn an veralteten Gesetzen, Verordnungen oder Durchführungsbestimmungen scheitern zu lassen.
Zur Person Dr. Glasmeyer

Ein Jahr generalistische Pflegeausbildung:
„Das Interesse ist da, die Ausbildungszahlen sind gestiegen.“

Nach der Neugestaltung der Pflegeausbildung durch das „Gesetz zur Reform der Pflegeberufe“ sind im Frühjahr 2020 die ersten Ausbildungsjahrgänge für den Berufsabschluss „Pflegefachfrau“ und „Pflegefachmann“ gestartet. Damit wurden die bisher getrennten Ausbildungen in der Altenpflege, der Kranken- und Kinderkrankenpflege endgültig zusammengelegt. Alle Auszubildenden erhalten zwei Jahre lang eine gemeinsame, generalistisch ausgerichtete Ausbildung, danach können sie einen Vertiefungsbereich in der praktischen Ausbildung wählen.

Ein Jahr nach dem Start der reinen generalistischen Ausbildung zieht der Gründer und Geschäftsführer der apm-Pflegeschulen Dr. Matthias Glasmeyer im Interview eine erste Bilanz.

Zur Person:
 
Dr. Matthias Glasmeyer ist Hauptgeschäftsführer der Akademie Überlingen-Gruppe sowie Gründer und Geschäftsführer der apm-Pflegeschulen, die die Akademie Überlingen gemeinsam mit dem Bundesverband privater Anbieter sozialer Dienste e.V. (bpa) betreibt. Die apm gewährleistet Aus-, Fort- und Weiterbildung in der ambulanten und stationären Pflege auf höchstem fachlichem Niveau an derzeit 12 Standorten in mehreren Bundesländern. Bundesweit bietet die apm zudem Weiterbildungsgänge und spezielle Förderprogramme für internationale Pflegekräfte an.